• Daniel Loch

Quo vadis Achtsamkeit? Zwischen Business-Hype, validen Wirkeffekten und Zweckentfremdung


Nicht nur die Mitarbeiter fühlen sich wohl, sondern auch das Unternehmen: 200 Prozent Return on Invest bei den Achtsamkeits-Trainings.“ (Peter Bostelmann, Chief Mindfulness Officer SAP)

Potenzielle Interventionsfelder von Achtsamkeit in Unternehmen
Potenzielle Interventionsfelder von Achtsamkeit in Unternehmen


1. Problemstellung

SAP war eines der ersten DAX-30-Unternehmen, das sich dem Thema Achtsamkeit (engl. Mindfulness) bereits im Jahr 2013 angenommen hat. Bis heute haben mehr als 9000 Mitarbeitende an über 50 Standorten weltweit das ursprünglich von Google übertragende Achtsamkeitsprogramm „Search Inside Yourself“ mit großem Erfolg absolviert. Mittlerweile hat der Tech-Konzern sogar eine eigene Stabsstelle eingerichtet, Achtsamkeit als einen aktiv gelebten Unternehmenswert verankert und vertreibt das Achtsamkeitsprogramm im B2B-Portfolio (vgl. Purps-Pardigol und Bostelmann 2019).


Demgegenüber treffen geplante Investitionen in Achtsamkeitsprogramme als vermeidlich „weicher Faktor“ anderenorts erfahrungsgemäß bei vielen gestandenen Geschäftsführern und Managern auf nachvollziehbare Skepsis. Die kausalitätsferne Vorstellung, dass sich erfolgskritische HR-KPIs durch regelmäßiges ruhiges Dasitzen und Augenschließen der Mitarbeitenden verbessern können, setzt eine hohe Ambiguitätstoleranz der Budget-Verantwortlichen voraus und läuft der scharf kalkulierenden Ratio zuwider. Nicht selten entgleitet das Thema als sozialromatisches Schmuseprojekt in den Bereich der Management-Esoterik, noch bevor eine sachlich-wissenschaftliche Auseinandersetzung stattgefunden hat.


Vor dem Hintergrund dieser Ambivalenz zum Titelthema sollen in diesem Beitrag die häufigsten Mienenfelder der Irrtümer, Missverständnisse und Denksackgassen identifiziert werden, um den Blick für tatsächliche Potenziale und Stolpersteine zum Trend Mindfulness in wirtschaftlichen Organisationen zu schärfen. Die Leitfrage lautet:


Was ist Achtsamkeit und welche Chancen und Risiken gehen mit der Implementierung von Achtsamkeit einher?

Achtsamkeit: Mythen und Wirklichkeit
Achtsamkeit: Mythen und Wirklichkeit

2. Worum es geht: Achtsamkeit

Unter kulturgeschichtlicher Perspektive sind Achtsamkeitsübungen nichts Neues, sondern über 2600 Jahre alte fernöstliche Kultur- und Bewusstseinstechniken mit spirituellem Ursprung, die vor allem in der buddhistischen Tradition sehr weit entwickelt und umfangreich im Satipatthana Sutra (dem zehnten Sutra der mittellangen Sammlung des Pali-Kanons) beschreiben werden (vgl. Hanh 2006). Dies ist die historische Textgrundlage für die Achtsamkeitspraxis der verschiedenen buddhistischen Schulen und nahezu aller säkularen Achtsamkeitsprogramme, die bisher erfolgreich im Unternehmenskontext durchgeführt wurden. Das Hauptziel von Achtsamkeit ist die Verminderung des eigenen Leidens durch Erkenntnis und die Leiden anderer durch Vermittlung dieser Erkenntnis.

2.1 Definition


In westlichen Kulturkreis existiert zu diesem jungen und interdisziplinär beforschten Gebiet derzeit keine einheitliche konsensfähige Begriffsdefinition. So schlagen Klinische Psychologie, Gesundheitsforschung sowie Arbeits- und Organisationspsychologie jeweils differenzierte Formulierungen vor.


Eine der häufigsten zitierten Definitionen stammt vom Molekularbiologen Jon Krabat-Zinn, der als Pionier in den 1970er Jahren an der University of Massachusetts ein achtwöchiges systematisches Programm zur Stressbewältigung im klinischen Kontext entwickelte (Mindfulness-Based Stress Reduction).


Achtsamkeit [ist eine] Form der Aufmerksamkeit, die absichtsvoll ist, sich auf den gegenwärtigen Moment bezieht (statt auf die Vergangenheit oder die Zukunft), und nicht [positiv oder negativ] wertend ist.“ (Übersetzt und ergänzt nach Kabat-Zinn 1982)

Anders formuliert: Das Phänomen Achtsamkeit beschreibt einen wachen und präsenten Bewusstseinszustand (auch, wenn die Augen geschlossen sind), den die praktizierenden Mitarbeitenden mithilfe ihrer Bewusstseinsressourcen planvoll und systematisch selbst hervorrufen und der sich durch vorurteilsfreies Verweilen im Hier und Jetzt auszeichnet.


2.2 Drei Säulen der Achtsamkeit


In Anlehnung an Kabat-Zinns Definition lassen sich für die Praxis drei notwendige und universelle Bedingungen ableiten, die mit dem fernöstlich-buddhistischen Achtsamkeitsverständnis identisch sind und als minimale Basis erfüllt sein müssen, damit sich ein achtsamer Bewusstseinszustand entwickeln kann.


  • (a) Konzentration und Aufmerksamkeit: Die kognitiven Qualitäten der Konzentration und Aufmerksamkeit sind in der Unternehmenspraxis sehr gut bekannt, weil sie als Voraussetzungen für das Verfolgen und Erreichen von Geschäftszielen unabdingbar sind. Im Rahmen der Achtsamkeitspraxis geht es darum, die Konzentration als willentliche Fokussierung der Aufmerksamkeit (Bewusstseinsressourcen) nach innen und außen zu richten und für das Spektrum menschlicher Erfahrung zu öffnen. An dieser Stelle eröffnet sich ein erstes Paradox: die Konzentration wird nicht nur ausschließlich auf ein einziges bestimmtes Objekt gerichtet, sondern schließt die Fähigkeit der Beobachtung der gesamten Fülle des gegenwärtigen Augenblicks mit ein, also den aktuellen Zeitabschnitt des Jetzt. Und dieser wiederum kann unzählige innere Impulse, wie Gefühle, Gedanken oder innere Bilder mit einschließen (Perspektive nach innen als Interzeption und Metakognition). Oder alle äußeren Reize, die mit den Sinnen wahrgenommen werden können (Perspektive nach außen mithilfe der Sinneskanäle).


  • (b) Präsenz im klaren und gegenwärtigen Moment des Hier und Jetzt: Die Aufmerksamkeit richtet sich also auf den gegenwärtigen Moment mit all seinen Facetten als Brennpunkt der Fokussierung (Aufmerksamkeit auf die Gegenwart). Wenn ein Praktizierender etwa daran denkt, wie er heute Morgen auf dem Weg ins Büro im Stau stand (Aufmerksamkeit auf die Vergangenheit) oder was er für das nächste Meeting nach der Achtsamkeitssitzung noch vorzubereiten hat (Aufmerksamkeit auf die Zukunft), dann werden auch diese Gedanken und inneren Bilder wahrgenommen und beobachtet. Auch sie sind Bestandteil des Spektrums des gegenwärtigen Moments.


  • (c) Grundhaltung: Akzeptanz und Nicht-Werten: Dabei werden diese aufkommenden Gedanken weder verdrängt oder durch andere Bewusstseins-Impulse überlagert, noch werden sie als Störungen bewertet. Sie lenken die Aufmerksamkeit lediglich für eine kurze Zeit von der gegenwärtigen Präsenz ab. Mithilfe einer achtsamen Haltung der Akzeptanz, des Nicht-Wertens und des Nicht-Ändern-Wollens wird das gesamte äußere und innere Erleben im Jetzt neutral und vorurteilsfrei registriert. Dadurch gelingt es geübten Praktizierenden sich von vergangenheits- oder zukunftsgewandten Impulsen kognitiv und emotional zu entbinden und in den gegenwärtigen Moment zurückzukehren.


Für die praktische Umsetzung dieser drei tragenden Eckpfeiler der Achtsamkeit bieten unterschiedliche Übungsformen, wie zum Beispiel der Bodyscan als Form der Achtsamkeitsmeditation auf den Körper, wirksame Hilfestellungen an. Die Achtsamkeitspraxis arbeitet im Westlichen mit den drei Aspekten Bewusstsein (Geist), Körper und Atem.


Im Kern geht es bei der Kultivierung von Achtsamkeit immer darum, die eigene neutrale und metakognitiv-beobachtende Instanz, über die jeder psychisch gesunde Mensch von Natur aus verfügt, zu schulen. Diese beobachtende Bewusstseinsperspektive kann weder von außen mechanisch hinzugefügt noch durch überhöhten Ehrgeiz erzwungen werden. Vielmehr wird sie durch Achtsamkeitspraktiken freigelegt und durch regelmäßiges Training in einem entspannten Geisteszustand stabilisiert. Ähnlich wie ein Muskel, der erst durch den systematischen Wechsel von zielgerichteten und wiederholten Widerstandsübungen sowie darauffolgenden Entspannungsphasen wachsen kann.



Koordinatensystem der Achtsamkeit
Koordinatensystem der Achtsamkeit


2.3 Nutzen: maximaler Realitätskontakt ohne Flucht


​Im Laufe seiner Sozialisation bildet jeder Mensch individuelle bewusste und unbewusste Wahrnehmungsfilter und automatische Bewertungsmuster aus. Diese evolutionsbiologischen Mechanismen schützten die informationsverarbeitenden Netzwerke des Gehirns vor Reizüberflutung aus der Umwelt und helfen dabei, zum Beispiel gefahrvolle Situation sehr schnell kognitiv zu beurteilen und anschließend Handeln zu können.

Die Kehrseite der stetig wachsenden Dominanz des adrenalingetriebenen Autopiloten-Modus in der gegenwärtigen Arbeitsrealität führt zu einer verzerrten Wahrnehmung der betrieblichen Wirklichkeit, welche fast immer mit falsche Entscheidungen einhergeht.

Wohin eine kollektiv-verfälschte Wahrnehmung von Verantwortlichen im Extremfall führen kann, hat die globale Finanzkrise ab dem Jahr 2007 gezeigt. Ihr ging u.a. eine entkoppelte Wahrnehmung der Entscheider zwischen deregulierter Finanzwirtschaft auf der einen und der Realwirtschaft auf der anderen Seite voraus.


Mithilfe von Achtsamkeit kann sich eine offenere und direktere Wahrnehmung der Wirklichkeit mit geringeren Verzerrungseffekten durch automatisierte Reiz-Reaktions-Bewertungsmuster und Aufmerksamkeits-Bindungen an innere Impulse einstellen. Mit zunehmender Übung reduzieren sich gewohnheitsmäßige und unbewusste Reaktionen auf das gegenwärtige Erleben, was zu einem hohen Maß an situationsadäquatem und selbstbewusstem Handeln führt.


3 Wirkungen und Nebenwirkungen von Achtsamkeit

Insbesondere seitdem die Neurowissenschaft der Achtsamkeitsbewegung zu Beginn der 2000er Jahre zur Hilfe eilt (vgl. Lutz et. al. 2004), steigt insbesondere die klinische und therapeutische Studienlage zur Wirksamkeit von Achtsamkeitsübungen in unterschiedlichen Bereichen bis heute exponentiell an.


3.1 Aktueller wissenschaftlicher Forschungsstand


Mit Blick auf den Forschungsstand ist vorauszuschicken, dass sich die Publikationslage zu Achtsamkeit in wirtschaftlichen Arbeitskontext im Vergleich zu anderen Bereichen noch als überschaubar darstellt. Strenggenommen sind mit wissenschaftlichen Maßstäben nicht alle bisher identifizierten Achtsamkeitseffekte eins zu eins auf Unternehmen übertragbar. Dennoch lassen u.a. aktuelle Metaanalysen ein sehr großes Wirksamkeitspotential für wirtschaftliche Organisationen erkennen.


"Moreover, a fairly large evidence based on mindfulness in workplace settings is gradually accumulating, with 153 papers included in this review, comprising 12,571 participants. Together, these studies suggest that mindfulness can potentially reduce mental health issues (e.g., stress), enhance wellbeing-related outcomes (e.g., job satisfaction), and improve aspects of job performance." (Zusammenfassung der Metaanalyse von Lomas et al. 2017)

In Anlehnung an die Forschungsergebnisse der Neurowissenschaftlerin Britta Hölzel (2015) können mehrwöchige achtsamkeitsbasierte Trainingsprogramme die folgenden Fähigkeiten messbar entwickeln, wobei alle Bereiche miteinander zusammenhängen.


  • (a) Verbesserung der Emotionsregulation: Im Bereich der Emotionsregulation stellt Achtsamkeit eine Schlüsselfunktion zur Entwicklung eines selbstunterstützenden Verhaltens dar, welches mit Wohlbefinden und Arbeitszufriedenheit im positiven Zusammenhang steht (Hülsheger et al. 2013). So können mithilfe von Achtsamkeitsübungen stressinduzierte negative Gedankenspiralen und depressive Verstimmungen gelöst werden.


  • (b) Stärkung der Aufmerksamkeitsregulation: Regelmäßiges Achtsamkeitstraining führt zu einer signifikanten Erhöhung der Reizresistenz und verbessert die Aufmerksamkeitssteuerung. Infolgedessen sind längere konzentrierte Arbeitsphasen möglich, welche mit einen Produktivitätszuwachs einhergehen (vgl. Mclean et al. 2010). Zudem führt Achtsamkeit zu einer stärkeren Wahrnehmung von Erfolgserlebnissen, was wiederum positive Effekte auf die Selbstwirksamkeit nach sich zieht. Die im Zusammenhang mit Achtsamkeitsübungen geförderte positive Einstellung hat einen direkten Einfluss auf die Ergebnisse und Leistungen von Führungskräften (vgl. Roche et al. 2014).


  • (c) Veränderung der Selbst- und Körperwahrnehmung (Selbsterleben): Mithilfe von Achtsamkeit erhöht sich die Sensibilität im Hinblick auf physische und physische Auswirkungen durch äußere Stimuli, wie zum Beispiel externe Stressoren. Dadurch können Teilnehmende im Sinne einer gesundheitlichen Selbstfürsorge die stressinduzierten Wirkeffekte auf den eigenen Körper besser wahrnehmen und beschreiben, was wiederum zu einer verbesserten Stressregulation führt.


Einschränkend ist darauf hinzuweisen, dass die positiven Wirkungen von Achtsamkeitsübungen in vielen Untersuchungen bereits nach 4-6 Wochen eintreten, allerdings lassen die Effekte wieder nach, sobald die Achtsamkeitspraxis eingestellt wird. Auch hier gilt der Vergleich zum Muskeltraining im Sport: die Masse an aufgebauter Muskulatur reduziert sich, wenn das Widerstandstraining eingestellten wird.


Achtsamkeitsübungen verbessern die Wahrnehmung der Wirklichkeit
Achtsamkeitsübungen verbessern die Wahrnehmung der Wirklichkeit

3.2 Risiken und Nebenwirkungen


Ähnlich wie bei einem wirksamen Medikament, stehen auch bei der Achtsamkeit nicht zu vernachlässigende Risiken und Nebenwirkungen auf dem Beipackzettel. Aufgrund der zum Teil tiefgreifenden Auswirkungen von Achtsamkeit auf die Wahrnehmung und Psyche von Praktizierenden, dürfen Achtsamkeitstrainings vom Kompetenzmanagement nicht mit anderen überfachlichen Trainings, etwa einem Rhetorikkurs für Führungskräfte, in einen Portfolio-Topf geworfen werden.


  • (a) Achtsamkeit im Unternehmen ist nur für psychisch gesunde Menschen geeignet: Bei praktizierenden Mitarbeitenden mit einer ernsthaften psychiatrischen Symptomatik, wie zum Beispiel einer Borderline-Störung, einer posttraumatischen Belastungsstörung oder anderer klassifizierter Erkrankungen kann Achtsamkeitstraining zu einer Verschlimmerung der Erkrankung und zur Verstärkung der Symptome führen. Schätzungsweise 5-15% der deutschen Bevölkerung sind von psychischen Erkrankungen betroffen (vgl. hierzu Jacobi et. al 2014).



  • (b) Die nachhaltige Kultivierung von Achtsamkeit setzt regelmäßiges und hartes geistiges Training voraus: Alle Achtsamkeitspraktiken, wie zum Beispiel die Achtsamkeitsmeditation (Vipassana), sind keine passiven und leicht zu konsumierenden Wellness-Übungen. Sie führen nur bei stetigem Training mit der richtigen Haltung und Begleitung durch einen erfahrenen Achtsamkeitslehrer zu einer geistigen Entwicklung. Dabei müssen immer wieder Widerstände und Rückschläge überwunden werden, indem die praktizierende Mitarbeiterin etwa mit verdrängten Gefühlen konfrontiert wird, die im Zuge der Meditation an die Oberfläche treten.


  • (c) Achtsamkeit führt bei Mitarbeitenden nicht automatisch zum richtigen und effektiven Handeln: Achtsamkeit entspricht keiner ethischen Kategorie und sie ersetzt auch keine handlungsleitenden Unternehmenswerte. So kann der Scharfschütze einer terroristischen Vereinigung mithilfe von Achtsamkeitstraining effizienter unschuldige Zivilisten töten, ohne ein Bewusstsein für das inhumane Verhalten. Weiterhin besteht ohne tragende Grundwerte die Gefahr, dass Achtsamkeitssitzungen in bester Absicht als Zurückziehungs- und Verdrängungsmöglichkeit vor der unternehmerischen Wirklichkeit zweckentfremdet werden.


4. Kritik und Entkernung


Ein Blick auf die aktuellen Marktangebote für Firmen und unternehmenspraktischen Umsetzungen des Modethemas Achtsamkeit offenbart sowohl einen bedarfsbezogenen als auch einen sprachlich-inflationären Wildwuchs. Dem potenziellen Kunden oder Mitarbeitenden wird mit verlockenden Schlagworten suggeriert, Achtsamkeit sei ein universelles Heilmittel. Eine Art hippe Allzweckinjektionslösung, die einmal injiziert wird und sodann nahezu alle Unternehmensprobleme im Zuge der VUCA-Welt und darüber hinaus löst.

In wissenschaftlichen und spirituellen Expertenkreisen wird in diesem Zusammenhang deshalb pointierend vom „Achtsamkeitsschwindel“ oder „McAchtsamkeit“ gesprochen (vgl. Scobel 2020). Prof. Reichel vom Zukunftsinstitut bringt die Kritik an der Mainstream-Achtsamkeit wie folgt auf den Punkt:


"Im Management wird Achtsamkeit in einer seltsamen Verdrehung als Methode zur Produktivitäts- und Effizienzsteigerung bei hoher Arbeitsbelastung angewendet, die den praktizierenden Mitarbeitern kleine Fluchten im Arbeitsalltag ermöglicht, sich auf sich selbst zu besinnen, das ´große Ganze´ und neue Kraft, Motivation und Sinnhaftigkeit (´sensemaking´) zu finden. Diese Appropriation einer Weisheitslehre in einem westlich-kapitalistisch-technologischen Sinn, als Mittel zum Zweck der besseren Unternehmenszielverfolgung, kann nur schief gehen." (Reichel 2016).

Unternehmen müssen sich darüber im Klaren sein, dass Achtsamkeit mit Blick auf den investierten Ressourceneinsatz langfristig und ausnahmslos immer zu einem negativen Kosten-Nutzen-Verhältnis führt, wenn sie von Personalentwicklung, Gesundheitswesen oder Management zum bloßen „Werkzeug“ reduziert wird. Ebenso wenig darf Achtsamkeit als ein großzügiges Wohlfühl-Wellnessangebot im Rahmen der Aktivitäten zur Mitarbeiterbindung für gestresste Mitarbeitende instrumentalisiert werden.



Best-Practice-Achtsamkeit und McAchtsamkeit
Best-Practice-Achtsamkeit und McAchtsamkeit


5 Erfolgskritische Voraussetzungen der Implementierung von Achtsamkeit


"Wenn sich ein Unternehmen auf eine Reise des radikalen Wandels begibt und seine eigenen Zwecke, denen von Mitarbeitern und Gesellschaft unterwerfen will, dann ist Achtsamkeit das Gebot der Stunde. Für alles andere gilt: Never mind the Buddhists!" (Reichel 2016)

Um eine wirksame Best-Practice-Achtsamkeit nachhaltig und langfristig im Unternehmen zu implementieren, muss sie als zentrale Grundvoraussetzung zuallererst am oberen betrieblichen Steuerungsbereich ansetzen, am Unternehmenszweck auf strategischer Ebene. Nur wenn Leidensverminderung als Unternehmensziel zementiert wird und Organisationen die Wahrnehmung von Leiden bei Mitarbeitenden, Kunden und Gesellschaft mit einbeziehen, stiftet Achtsamkeit in Change-Prozessen Sinn und entfaltet sein ganzes Potenzial. Ebenso wenig wie eine Frau ein bisschen schwanger sein kann, können Unternehmen nicht hier und dort ein paar Achtsamkeitshäppchen, etwa in Form von gesundheitsorientierten Achtsamkeitstrainings, mit nachhaltigem Erfolg einführen.


Neben dieser wichtigen Erfolgsdeterminante sind noch weitere achtsamkeitsspezifische Voraussetzungen bei der Einführung von Achtsamkeit zu berücksichtigen:


  • (a) Achtsamkeit als Unternehmenswert: Aufgrund seiner radikalen Transformationsdynamik muss Achtsamkeit als Unternehmenswert verankert werden und setzt zugleich tragende Werte als handlungsleitende Orientierungsgrößen voraus. Die effektive Einführung von praxisorientierten Achtsamkeitsformaten ist langfristig nicht ohne einen gleichzeitigen Kulturwandel realisierbar. Achtsamkeitsbasierte Einzelinstrumente im Sinne voneinander unabhängiger Insellösungen sind zu vermeiden.


  • (b) Wissenschaftliche Validität: Achtsamkeit in Unternehmen muss sich an wissenschaftlich validen Erkenntnissen und Wirkmodellen ausrichten. Dies erhöht zum einen die Glaubwürdigkeit und Reputation des Themas in der Belegschaft, zum anderen sind die zu erwartenden produktivitätshebenden Kausalitätseffekte mit wissenschaftlichen Standards abgesichert.


  • (c) Ressourcen: Die Kultivierung von Achtsamkeit setzt, neben den von Experten angeleiteten formalen Trainingssitzungen, im besonderen Maße selbstbestimmte experimentelle Zeiteinheiten und eine nahe räumliche Infrastruktur zum Zweck der stillen Zurückziehung voraus. Den Mitarbeitenden muss die Möglichkeit eingeräumt werden, sich im Tagesgeschäft eigenverantwortlich nach Bedarf in der individuellen Achtsamkeitspraxis zu üben.


  • (d) Kompetentes Personal: Bei der externen oder internen Rekrutierung von Achtsamkeits-Trainern sind höchste Kompetenzstandards anzusetzen. Idealerweise sollte das Lehrpersonal eine MBSR-Ausbildung nach den Vorgaben des Deutschen Fachzentrum für Achtsamkeit (DFME) absolviert haben. Zugleich ist die Begleitung durch ein ärztlich-therapeutisches Fachpersonal anzustreben.


Unterm Strich ist festzuhalten: Achtsamkeit ist kein zeitlich begrenztes Modeprojekt, sondern als Unternehmenszweck an sich eine kulturverändernde Daueraufgabe, welche die strategischen, normativen und operativen Ebenen durchdringt und an der DNA von Unternehmen ansetzen muss.



Dimensionen der Achtsamkeit in Unternehmen
Dimensionen der Achtsamkeit in Unternehmen


5. Fazit


Das Trendphänomen Achtsamkeit beschreibt eine umfassende Art der Wahrnehmung. Die Fähigkeit des Bewusstseins, körperliche, emotionale, gedankliche und umweltbezogene Aspekte der Wirklichkeit im gegenwärtigen Moment des Erlebens ohne Wertung zu beobachten.


Die aktuelle interdisziplinäre Forschung zum Thema bestätigt eine valide Wirksamkeit von mehrwöchigen Achtsamkeitstrainings insbesondere im Bereich der emotionalen und aufmerksamkeitsbezogenen Selbstregulation von Praktizierenden, wodurch positive Effekte auf ausgewählte HR-KPIs wie zum Beispiel Mitarbeiterproduktivität und Krankenquote einhergehen. In VUCA-Zeiten zunehmender Transformationswellen mit permanenter Beschleunigung, steigender Unübersichtlichkeit und Komplexität kann Achtsamkeit ein effektiver Hebel sein, um die Veränderungsbereitschaft und -fähigkeit als Schlüsselkompetenz von Unternehmen insgesamt zu unterstützen.


Achtsamkeit führt als Investment langfristig nur dann zu einem positiven RoI und zu einer Win-Win-Situation für Betrieb, Mitarbeitende und Kunden, wenn sie nachhaltig mit dem strategischen Unternehmensziel der Leidensverminderung verankert und zum Zugpferd eines umfassenden Kulturwandels wird. Zugleich kann Achtsamkeit in Unternehmen großen Schaden verursachen, wenn die ihr inhärente transformationale Radikalität keinen Entfaltungsraum erhält und Achtsamkeit lediglich in einer Light-Version als universelles „Werkzeug“ zur Produktivitäts- und Effizienzsteigerung zweckentfremdet wird.



Literatur


  • Drath, K. (2014): Resilienz in der Unternehmensführung. Was Manager und Teams stark macht. Freiburg: Haufe.


  • Hanh, T. N. (2006): Transformation and Healing. Sutra on the Four Etablishments of Mindfullness.Berkeley (USA): Parallax Press.


  • Kabat-Zinn, J. (2013): Gesund durch Meditation: Das große Buch der Selbstheilung mit MBSR. München: Knaur.


  • Ott, U. (2015): Meditation für Skeptiker: Ein Neurowissenschaftler erklärt den Weg zum Selbst. München: O.W. Barth.


  • Rosman, N. und Kohtes, P. J. (2014): Mit Achtsamkeit in Führung: Was Meditation für Unternehmen bringt. Stuttgart: Klett-Cotta.


Studien


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  • Hölzel, B. (2015): Mechanismen der Achtsamkeit. Psychologisch-neurowissenschaftliche Perspektiven. In: Hölzel, B. und Brähler, C., Achtsamkeit mitten im Leben. Anwendungsgebiete und wissenschaftliche Perspektiven. München: O.W. Barth.


  • Hölzel, B., Lazar, S.W., Gard, T., Schu­man–Olivier, Z., Vago, D.R. and Ott, U. (2011). How does Mindfulness Meditation work? Proposing mechanisms of action from a conceptual and neural perspective. Perspec­tives on Psychological Science, 6 (6), p. 537-559.


  • Jacobi, F.; Höfler, M.; Strehle, J.; Mack, S.; Gerschler, A.; Scholl, L.; Busch M.A.; Maske, U.; Hapke, U.; Gaebel, W.; Maier, W.; Wagner, M.; Zielasek, J. und Wittchen, H.-U.: Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung. Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland und ihr Zusatzmodul Psychische Gesundheit (DEGS1-MH). In: Nervenarzt 2004 (1), S. 77-87.


  • Kabat-Zinn, J. (1982): An outpatient program in behavioral medicine for chronic pain patients based on the practice of mindfulness meditation: Theoretical considerations and preliminary results. In: General Hospital Psychiatry. 4 (1), S. 33–47.


  • Lomas, T.; Medina, J. C.; lvtzan, I.; Rupprecht, S.; Hart, R.; and Eiroa-Orosa, F. J. (2017): The impact of mindfulness on well-Being and performance in the work­ place: An inclusive systematic review of the empirical literature. European Journal of Work and Organizational Psychology, 26 (4), p. 1-22.



  • Wilde, B.; Dunkel, W.; Hinrichs, S. und Menz, W. (2010): Gesundheit als Führungsaufgabe in ergebnisorientiert gesteuerten Arbeitssystemen. In: Badura B.; Schröder H., Klose J. und Macco, K. (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2009. Arbeit und Psyche: Belastungen reduzieren – Wohlbefinden fördern. Berlin/ Heidelberg/ New York: Springer, S. 147–155.


Sonstige Quellen






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